Geschichte

Der ursprüngliche Flamenco ist weit mehr als nur eine Form der Kunst, er ist unmittelbarer Ausdruck des Lebens: gewaltsam, schonungslos und ergreifend - entstanden in einer Welt, die beherrscht wurde von Inquisition, Unterdrückung, Armut und Leid: Der Welt der Gitanos. Sie kamen gegen Ende des 18. Jahrhunderts von Indien über Ägypten und weitere arabische Länder nach Andalusien.

Ihre Musiker übernahmen bald verschiedene Elemente der stark von maurischen und hebräischen Einflüssen geprägten andalusischen Musik, vereinigten sie mit ihrem traditionellen Liedgut und begründeten so jenen Stil, der uns heute als Flamenco geläufig ist. Doch blieben die Gemeinsamkeiten zwischen Analusiern und Gitanos auf musikalische Elemente und ihrem jeweiligen Liegut beschränkt: Für die Andalusier einerseits waren die Gitanos nur Zigeuner, die - wie andere Minderheiten - aus der Gemeinschaft ausgestossen und unterdrückt wurden, für die Gitanos andererseits waren die Andalusier nur Payos, die Nicht-Gitanos, von denen sie verachtet und verstossen wurden.

Die Gitanos wurden von der andalusischen Bevölkerung immer weiter in die kargen, lebensfeindlichen Gebirgsregionen Andalusiens gedrängt, wo sie gezwungen waren, ihr Leben überwiegend durch Mundraub und durch Schmuggel zu unterhalten. Obwohl - oder vielleicht gerade weil - diese katastrophalen Lebensumstände den Nährboden für den Flamenco bildeten, war er niemals einseitig: In ihm pulsierte die Wut, die Trauer und die Verzweiflung ebenso wie die Leidenschaft, die Lebensfreude und die Hoffnung einer verschworenen Gemeinschaft. In ihm fliesst das Leben der Gitanos in all seinen Facetten.

Mitte des 18. Jahrhunderts übersprang der Duende, der Geist des Flamencos, die Grenzen zu den Payos. Insbesondere die Söhne reicher andalusischer Gutsbesitzer entdeckten den Flamenco und luden zu kleinen Zirkeln interessierter Künstler und Flamencoliebhaber (Aficionados) ein. In diesen Juergas traten nun die Gitanos auf und boten ihren Flamenco - meist gegen gute Bezahlung - dar.

Dennoch war der Flamenco auch in den Juergas niemals nur reine Darbietung vor einem konsumierenden Publikum, sondern immer auch Improvisation und Interaktion aller Anwesenden: Jeder Beteiligte einer Juerga trug seinen Teil zum Flamenco bei, entweder durch rhythmisches Klatschen (Palmas) oder durch zustimmende Zwischenrufe (Jaleos). Bald aber entdeckte auch die breite Masse die Faszination, die der Flamenco ausübte. Es entstanden vielerorts so genannte Café Cantates, wo die Sänger (Cantaores) vor einem auf Amüsement bedachten Publikum auftraten und eine artifizierte form des Flamencos darboten.

Über die Café Cantates trat der Flamenco - und hier insbesondere der Tanz (Baile) - seinen Weg auf die Bühnen der Theater an, er wurde zunehmend stilisiert und choreographiert, was ihm seine ursprüngliche Eigenschaft, spontaner Ausdruck tiefer Gefühle zu sein, raubte und ihn bis hin zum Kitsch oder zur reinen Staffage degradierte. Andererseits führte die Verbreitung des Flamencos dazu, dass Flamencokünstler (Flamencos) die Lebensart des improvisierten und spontanen Flamencos den Aficionados auch ausserhalb Andalusiens ins Herz tragen konnten.

Dennoch, es ist ebenso kaum möglich, den Flamenco zu beschreiben, wie über ein unbeschreiblich schönes Erlebnis oder über den Schmerz, den der Verlust eines innig geliebten Menschen bereitet. All dies ist wie der Geist des Flamencos nicht in Worte zu fassen. Selbst einem so grossen Dichter wie Rainer Maria Rilke gelingt es in seinem Gedicht "Spanische Tänzerin" kaum, die wahre Lebenskraft des Flamencos darzustellen. Flamenco kann man nur leben und erleben.

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